Bericht von und Gedanken zur 17. Agrarpolitischen Tagung der SPD nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Güstrow

von | 27. Februar 2020 | 0 Kommentare

Ein Gastbeitrag von Barbara Blickensdorff


  • Das Thema der diesjährigen Tagung lautete:
    „Ein weiter so kann es nicht geben?! – den Wandel der Landwirtschaft gestalten“


Also, froh gestimmt „auf nach Güstrow!“ Natürlich: Fahrgemeinschaft, ressourcensparend.
Auf der Fahrt Gedankenaustausch zum Thema. Dabei stellen wir fest, dass wir schon des Öfteren die
rätselhafte Erfahrung gemacht haben, dass ansonsten völlig nette und aufgeschlossene Bauern, beim Thema
„Wandel der Landwirtschaft“ völlig hart werden und keinen, aus unserer Sicht vernünftigen,
Gedankenaustausch mehr zulassen. Gemeinsam mutmaßen wir über die Ursache. Vielleicht liegt sie in der
Geschichte…?… Erst bis 1824 wurde hierzulande schrittweise die Leibeigenschaft abgeschafft, und damit leider
zugleich auch die Obhuts- und Fürsorgepflicht der Gutsherren. Massenarmut der Bauern war dann die Folge.
Massenhaft Minderwertigkeitsgefühle. Um 1900 lebte ein Drittel der in Mecklenburg geborenen Menschen
außerhalb ihres Heimatlandes. Viele waren nach Amerika ausgewandert. Also eine tief traumatische
Hinterlassenschaft der Eingriffe von oben. Ich beschließe, ab sofort nicht mehr „Bauer“ zu sagen, sondern
“Landwirt“. Das trifft die Sache besser und klingt achtungsvoller, trotz allem.


Unser Tagungs-Tag beginnt mit einem anrührenden Vortrag von Prof. em. Dr. Michael Succow, Träger des
Alternativen Nobelpreises.
Zuerst erwähnt er die Kinder, die heutzutage auf die Straße gehen und sagen, sie haben Angst vor der Zukunft,
und fordern, dass jetzt und sofort etwas geändert wird.
Prof. Succow beschreibt die Entwicklung in seinem Heimatort: Über die Hälfte der Vögel ist seit den 70 er
Jahren dort ausgestorben. Seen sind am austrocknen. Die kleinen Feldteiche sind bereits verschwunden. In 10
bis 20 Jahren werden nur noch die Hälfte der Seen bestehen, weil es kein Grundwasser mehr geben wird, das
sie speist. Wir Menschen haben zu lange gegen die Natur gekämpft, benutzen sie gleich einem Steinbruch,
haben uns über sie erhoben, wollen sie beherrschen. Nun, da die Schäden unüberschaubar und die Verluste
unwiederbringlich sind, ergreift uns Unbehagen, und Sorge um unsere eigene Zukunft, und Zweifel. Wer ist
wirklich der Stärkere, der Sieger? Wohin steuert das Projekt Mensch? Wir dürfen uns nicht länger als Herrscher
aufspielen und als Ausbeuter und Zerstörer handeln. Wir müssen Frieden schließen mit der Natur.
Welche Forderungen ergebenden sich daraus?
Klimaneutraler Ackerbau, Winterzwischenfrüchte, Humusaufbau, Kompostwirtschaft. Kein Energiepflanzenbau
auf Äckern. Drastische Reduzierung der Mineraldüngung und der chemischen Pflanzenschutzmittel, Moore
wieder vernässen. Abbau aller Subventionen, die nachhaltige Entwicklung behindern.
Von Höchsterträgen wegkommen, ökologischer Landbau ist Vorbild, die gesamte Ackerfläche für die Ernährung
bearbeiten. Keine Billigexporte von Lebensmitteln. Regionale Witschaftskreisläufe.
„Die Natur kennt keine Belohnung und kennt keine Strafen. Sie kennt nur Konsequenzen.“ (Succow)


Auch Dr. Uwe Meier, akademischer Praktiker aus Hannover kommt zu Wort:
Auf der derzeitigen marktliberalen Grundlage wird eine zukunftsorientierte nachhaltige Produktion nicht
möglich sein. Grund: das Geld und nicht das Leben, bestimmt das Handeln. Tiere und Pflanzen sind als
Lebewesen zu betrachten. Unter ausschließlich marktliberal-kosteneffizienten Gesichtspunkten zu produzieren,
ist unethisch und daher weder Menschen- noch naturverträglich. Lebewesen eignen sich nicht für globale
Märkte.
Benedikt Herlin, Philosoph, Soziologe und Journalist (unter anderem Mitbegründer der „Wir haben es satt“-
Demo, und Leiter des Berliner Büros der „Zukunftsstiftung Landwirtschaft“, Initiative „Save Our Seeds“, rettet
unser Saatgut) sitzt auf dem Podium und ergänzt:
Die gerade im Entstehen befindliche neue Periode der Gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union (GAP)
wird die nächsten 7 Jahre bestimmen von den 10 Jahren, die uns noch zur Verfügung stehen, um das Ruder
herumzureißen, in Bezug auf Klimawandel und Biodiversität.
Aktuelle ethische Grundsätze der Landwirtschaft müssen sein:
Verlust der Biodiversität kurzfristig stoppen, alle Menschen sollen genug zu essen haben, Gesunde Ernährung
(sonst Überforderung der Krankenkassensysteme), keine Nutzung von Sklaven- und Kinderarbeit für unsere
Ernährung (wie es zur Zeit noch der Fall ist!), faire Chancen für eine auskömmliche würdevolle Existenz für
Frauen und Männer in der Landwirtschaft, über Generationen hinweg.


Es müssen ganz neue Ernährungssysteme geschaffen werden. Vor allem müssen wir wegkommen von der
andauernden gegenseitigen Beschuldigung der Landwirte und der Verbraucher.
Landwirtschaft ist anders als die meisten anderen Wirtschaftsbereiche. Land ist eine begrenzte Ressource. Und
die Art und Weise, wie jemand an Landeigentum kommt folgt seit je her nicht den üblichen Marktgesetzen.
Dazu gibt es einen hohen Anteil von staatlicher Subvention, die jeweils willkürlich vergeben wird.
Das gesamte Ernährungssystem (nicht nur die Landwirtschaft) spielt eine große Rolle dabei, ob wir in der
erforderlichen Zeit klimaneutral werden können oder nicht. Dabei sind sowohl die Landeigentümer als auch die
Verwaltung, also die öffentliche Hand, ein wichtiger Faktor.
Was gibt es über unsere Nahrungsmittelproduktion zu sagen? Vor allem: Es herrscht kein Mangel.
Übergewichtigkeit ist zur Zeit die sich am schnellsten ausbreitende Seuche auf der Welt.
Tatsächlich existiert eine Überproduktion von Nahrungsmitteln.
Schon heute werden weltweit so viele Kalorien produziert, dass bereits 12 Milliarden Menschen (und nicht
siebeneinhalb Milliarden Menschen, die die heutige Weltbevölkerung ausmachen) ernährt werden könnten!
Wir haben weltweit reichliche Reserven.
Die Getreideernte geht nur noch zu 42% in die Ernährung.
26% werden indirekt für Futter verwendet und 22% für Energieerzeugung.
1/3 der weltweiten Fläche ist Ackerland und davon wird nur 1/3 zum Anbau von Lebensmitteln genutzt.
12 Millionen Hektar gehen weltweit jährlich an Ackerfläche verloren.
In Europa wird im Vergleich zum Rest der Welt im Durchschnitt eine insgesamt besonders geringe Fläche pro
Hektar, zur Lebensmittelproduktion verwendet.
Und Benedikt Herlin liefert weitere Fakten:
Wo und wie entstehen klimaschädliche Treibhausgase in der Welt? :
14% entstehen unmittelbar aus den Landwirtschaftlichen Böden, als Lachgas, Methan, verfahrener Diesel usw.
18% entstehen, weil aufgrund des Drucks und Bedarfs unseres mitteleuropäischen Ernährungssystems, in
anderen Regionen der Welt veränderte Landnutzung betrieben wird (z.B. Rodungen in Brasilien)
Dazu kommen noch weitere Treibhausgase, sie entstehen bei: Transport, Erwärmen und Kühlen von
Lebensmitteln, durch die Ausdünstungen des Lebensmittel-Abfalls (Methan), durch die Produktion des
Mineraldüngers, und durch die Produktion der landwirtschaftlichen Maschinen…
Unser bestehendes Ernährungssystem erzeugt also 40 % der gesamten Treibhausgasemission in der Welt.
Und nun geht es um die Notwendigkeit, dass diese Zahl um 80% reduziert werden muss, in einem kurzen
Zeitraum.
Was sagen die Wissenschaftler dazu? In der Pressemitteilung der DAFA (Deutsche AgrarForschungs Allianz, 130
Wissenschaftler, www.dafa.de) ) vom November 2019, zur Perspektive bis 2049, heißt es:
„Die Landwirtschaft der Zukunft arbeitet mit geschlossenen Stoffkreisläufen, hat einen engen regionalen
Bezug, hält weniger Tiere ohne Antibiotika und in viel besseren Ställen, schützt die Biodiversität und das Klima
und erhält dafür angemessene Preise. Das alles setzt ein Umdenken bei der Ernährung und eine andere
Agrarpolitik voraus. Weniger Fleisch aus ethischer Produktion und mehr Regionalität müssen von den
Verbrauchern honoriert und politisch unterstützt werden.“
Irgendwann erreicht unsere Agrarpolitische Tagung mit dem Thema: „Ein weiter so kann es nicht geben?! – den
Wandel der Landwirtschaft gestalten“, dann den Zeitpunkt, an dem wir, als Besucher, den Diskussionsbeiträgen
der Gäste auf dem Podium lauschen. Wortmeldungen von uns, dem Publikum, werden nicht mehr zugelassen.
Hier teile ich einen interessanten Abschnitt dieser Auslassungen:
Martin Piehl (Geschäftsführer des Bauernverbands MV): „Aber vorher muss man, egal in welchem Fachgebiet
man eine Entscheidung trifft, die drei Nachhaltigkeitskriterien (ökologische-, ökonomische- und soziale
Nachhaltigkeit, Anm. d. V.) parallel zu Ende denken. Das ist der größte Vorwurf, den im Augenblick die
Landwirtschaft den politischen Entscheidungsträgern macht, dass sie oft nur einen Aspekt in Betracht ziehen.
Man kann ja zu dem Schluss kommen, dass es ein Insektenschutzprogramm geben muss, damit die Biomasse
im Insektenbereich größer wird. Aber dann muss man entsprechend den von der Wissenschaft
vorgeschlagenen Maßnahmen auch berücksichtigen, welche Auswirkungen hat das auf ökonomischem und auf
sozialem Gebiet. Und wenn man dann immer noch, nach Abwägung dieser drei Auswirkungshorizonte zu dem
Schluss kommt, wir müssen das durchziehen, dann glaube ich, sind die Landwirte die letzten, die sich dagegen
verweigern würden. Aber im Augenblick haben wir eher den Eindruck, dass man auch aus wahltaktischen
Gründen Themen in den Vordergrund schiebt und die Landwirtschaft quasi auf diesem politischen Altar opfert.
Und diese Opferrolle möchten die Landwirte einfach nicht einnehmen.“


Moderator:
„Was is‘es genau, was euch Bauern so auf die Barrikaden bringt?“
Martin Piehl: „Kurz gesagt, dass wir (Bauernverband) nicht gefragt werden. Wir sind auch Teil der Gesellschaft
und möchten genauso wie alle anderen Gruppen einbezogen werden, besonders wenn es um Entscheidungen
geht, die die Landwirtschaft betreffen.“ (höflicher Tumult im Publikum, mein Nachbar, ein emeritierter Dr. der
Landwirtschaft, der ethische Standarts für den Pflanzenbau entwickelt hat, zischt mir ins Ohr: „ Bauernverband
und Regierung in MV das ist eins.“)
Moderator: „Herr Krüger, warum fragt ihr die Bauern nicht?“
Thomas Krüger (Fraktionsvorsitzender der SPD in Landtag MV): „Also ich habe den Eindruck, dass wir mit den
Landwirten in MV enger in Verbindung stehen als in vielen anderen Ländern. Ich würde das hier mal so
behaupten, dass wir da gute Kontakte halten. (weist auf Kopfnicken im Publikum hin)
Das Paket der Bundesregierung zum Umweltschutz habe ich allerdings nur aus der Zeitung erfahren. Mit uns als
Parlamentarier hat man vorher nicht gesprochen. Das hängt wohl mit dem Zustand der großen Koalition in
Berlin zusammen.
Natürlich man muss definieren, was die gesellschaftlichen Herausforderungen sind, muss
Ziele und Schritte definieren, und das alles dann miteinander abarbeiten und dabei die Ökonomie nicht
ausblenden.“


Und so weiter, und so fort.
Während es bereits „fünf vor 12 ist“ drehen sich Politiker und Landwirte nach wie vor in den immer gleichen
Schuldzuweisungs-Kreisen. Eine Tagung wie diese zeigt das unter‘m Brennglas.
Da fragt man sich doch: „Warum fällt es nur so schwer, etwas an den eingeschliffenen Gewohnheiten zu
verändern? „
Ja, die Hirnforscher beantworten diese Frage so: Unser Gehirn ist ein Energiesparer. Denn selbst im
Ruhezustand verbraucht es ca. 25 % des gesamten Energiehaushaltes unseres Organismus. Und sobald wir
Entscheidungen treffen müssen, Probleme wälzen oder in Dispute verstrickt sind, steigt dieser
Energieverbrauch ins Unermessliche. In grauer Vorzeit, hatten wir noch nicht genug und nicht regelmäßig zu
essen. Da war ein Energiesparmodus der klare evolutionäre Vorteil. Die Energiesparer kamen besser durch. So
sind unsere Gehirne heute perfekt darin, Veränderungen und Probleme zu vermeiden. Unser Nervensystem
schüttet sogar Belohnungshormone aus, wenn wir alles so lassen, wie es immer war….dann fühlen wir uns gut.
ABER: Wir haben doch heute Kalorien und Nährstoffe im Überfluss! Mehr als wir überhaupt essen können!


Literatur, und weiter lesen:
Uwe Meier (Hrsg.), Agrarethik, Landwirtschaft mit Zukunft, Agrimedia, 2019
Gerald Hüther, Was wir sind und was wir sein könnten: Ein neurobiologischer Mutmacher, s. Fischer, 2011
„Die Zeit“ vom 17. Januar 2020, eine Analyse von Dr. Andreas Sentger, Ressort Wissen, „Mehr Zukunft auf den
Acker- die weltweite Massenproduktion von Lebensmitteln zerstört die Umwelt. Landwirtschaft und Konsum
müssen nachhaltiger werden. Vier Strategien für eine Agrarwende.“
(https://www.zeit.de/2020/03/landwirtschaft-agrarwende-nachhaltigkeit-ackerbau-konsum-tierhaltung)
Pressemitteilung der DAFA (Deutsche Agrarwissenschaftliche Allianz) vom November 2019, zur Perspektive
2049 (https://www.dafa.de/nachhaltige-landwirtschaft-im-jahr-2049/)


Barbara Blickensdorff
Dipl. Ök.  Dipl. Phil. Lehrerin der F.M. Alexander-Technik
In Hohenbüssow 26, 17129 Alt Tellin/OT Hohenbüssow
und im: „ Jetzt und Hier“ (ehem. Zentrum für Alexander-Technik) Auguststrasse 65, 10117 Berlin
T: 03993-76 50 70 Mob: 0177-82 882 79
www.alexander-technik-blickensdorff.dewww.alexander-technik-zentrum-berlin.de

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