Wietzow im März 2020 – ein Gastbeitrag von Andrea GronskiBerendsen

Die Gemeinde Daberkow ist idyllisch nördlich des Tollensetals ungefähr auf der Hälfte zwischen Greifswald und Neubrandenburg an der alten F 96 gelegen.

In den drei zur Gemeinde gehörenden Dörfern – Daberkow, Hedwigshof und Wietzow – leben etwas mehr als 350 Menschen: Alteingesessene, Zugezogene, alte, mittelalte Leute, in der letzten Zeit fällt der Zuzug jüngerer Menschen und Familien mit Kindern freudvoll auf. Das Miteinanderleben verändert sich positiv. In einer Musikwerkstatt finden die Kinder Anleitung und konnten bereits eigene Programme aufführen, im Daberchor wird gesungen. Dientags treffen sich Frauen zum Yoga, der Dorfteich wurde saniert. Seit kurzem proben Menschen auf den Brettern, die die Welt bedeuten = Theater.

Und doch – Was bislang geschah:

Ein Sturm ist aufgekommen, ein Sturm der Empörung über das Verhalten von Gemeindevertretern, die teilweise mit dem Programm einer Wählergemeinschaft – sich gegen Windkraftenergie einzusetzen – gewählt wurden und nun den Beschluss der Gemeindevertretung von 2017 kippen wollen, der den Ausbau der Windkraft auf dem Gebiet der Gemeinde verhindert. 

Zugleich entzogen sich die Mehrheit der Gemeindevertreter dem Gespräch auf einer Einwohnerversammlung, dem Austausch, dem Zuhören der Einwohner, dem Wahrnehmen der Besorgnisse und Befürchtungen. Im Gegenteil: auf der nachfolgenden Gemeindevertreterversammlung wurden Argumente der Einwohner gegen weitere Windräder in der Region: 

Artenschutz, Lärmbelastung, gesundheitliche Probleme, Wertverlust der Grundstücke und Lebensplätze, Gefahr bei Eisabwurf, Stören der Vogelflüge, Unklarheiten über altersbedingten Rückbau der Windräder, mangelnde Recyclingverfahren der dann anfallenden Wertstoffe, technisch unausgereifte bzw. fehlende Speicherkapazitäten für erwirtschafteten Strom, noch nicht vorhandene Trassen zur Weiterleitung des erzeugten Stroms, dafür aber das Anfallen horrender Summen für den sogenannten Stromschrott, die  nach besonders windigen bzw. stürmischen Episoden (Sturm Sabine) anfallen, den unkalkulierbaren, windabhängigen Energieertrag

als falsch oder unsachlich bezeichnet und vom Tisch gewischt. Die Pro- Windkraft-eingestellten-Gemeindevertreter gingen auf Fragen zu ihrer durch die Wahl erworbenen Verantwortlichkeit gegenüber der Gemeinde und ihren Einwohnern nicht überzeugend ein – Bemerkungen über Wahlbetrug, Hinterlist und Taktiererei, interne Absprachen und private Vorteilsnahme machten die Runde. Der Landespolitik folgend – MV als Stromexporteur aufzurüsten – erschienen diese Gemeindevertreter als Menschen mit vorauseilendem Gehorsam – schließlich ist die in Frage kommende Fläche nicht im staatlichen Planungsverfahren ausgewiesen. Natürlich stellt man/frau sich die Frage, in wessen Interesse hier vorgegangen wird und warum die Lebensqualität der hier Lebenden (Menschen und Tiere) keinen Wert darstellt.

Was bisher auch geschah:

In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten hat sich das idyllische Landleben hier in der unmittelbaren Region sehr verändert. In den 90ern fanden sich auf den landwirtschaftlichen Stilllegungsflächen noch diverse Kräuter. Es war still und eine zum nötigen Ausspannen geeignete Atmosphäre vorhanden. Rehe im Garten – wer kann das von sich und seinem Hof sagen ?

Dann wurde die A 20 geplant und gebaut, ein holländischer Investor stellte eine äußerst dubiose Schweinezuchtanlage auf die Wiese – Europas größte Ferkelproduktionsstätte – mit zusätzlicher Verkehrsbelastung auf öffentlichen Straßen, im Umfeld finden sich mehrere, unterschiedliche Mastanlagen und Recyclinganlagen, Biogasanlagen mit monotonen Anbauflächen – Raps und Mais insbesondere. Das Meiste von diesen Anlagen stinkt in den Himmel – zuzüglich zu der konventionellen Gülleentsorgung und Düngung.

Damit leben wir hier bereits, nachdem wir uns als Bürger bei Autobahn und Schweinezuchtanlage nicht durchsetzen konnten.

Was nun geschieht:

Die Einwohner der drei Gemeindeortschaften kommen und nutzen informative und kulturelle Veranstaltungen über die Windernergie. Es ist spannend, uns besser kennenzulernen, sich quasi unter Leuten wiederzufinden, die hier leben & alt werden wollen, die durchaus für erneuerbare Energien sind und auf die Windräder in Sichtweite ihrer Häuser hinweisen. Die Menschen hier sind längst von Windkraft in negativem Sinne betroffen und wollen sich eine weitgehend lebenswerte Umgebung erhalten. Neue Beziehungen ermöglichen spontane Aktionen des Miteinanders, Kino und Filmgucken, im Austausch am Gartenzaun, zur Demo mit Trillerpfeifen, zur Theaterperformance im Zugang zu den Veranstaltungen.

Das erste Treffen zur Zukunftswerkstatt im Februar zeigte das rege, auch neugierige Interesse der anwesenden, fast vierzig Menschen aus allen drei Ortsteilen, die sich für ein gemeinsames Leben in der Gemeinde interessieren und einsetzen wollen. Es entstand bei der Themensammenlung: 

  • Was unter den Nägeln brennt? 
  • Wie in Zukunft in der Gemeinde zusammen gelebt werden kann? 

der Eindruck, dass die Einwohner sich so noch nie zusammengefunden und sich mitgeteilt haben – auch, dass sie noch nie direkt und persönlich gefragt worden waren. Die vielfältigen Themen und ausgesprochenen Ideen machen Mut und Hoffnung auf die Möglichkeit eines weiterhin lebbaren Lebens in diesem Landstrich. Das gemeinsame Einsetzen für Bürgeranliegen in der Gemeinde und das engagierte Umsetzen der Ideen befördern den Zusammenhalt untereinander. Wichtig ist dabei das Empfinden, sich durch Beteiligung sinnvoll FÜR ETWAS einzusetzen: für Lebensqualität, für kulturelle Aktivitäten und Dorffeste, für Spielmöglichkeiten und Angebote für Jugendliche, für Verkehrsberuhigung usw. sowie für die Nachfrage nach anderen Energieversorgungsmöglichkeiten.

Damit hinterfragen wir diese wahnsinnige Wachstumsspirale und die Gier auf alles für wenige. Wir nehmen unsere staatsbürgerlichen Möglichkeiten in Anspruch – freie Meinungsäußerung, Mitbestimmung kommunaler Belange. Wir bestehen auf der Wahrnehmung unserer Argumente und auf unseren Einfluss auf die kommunale Entwicklung.

Das ist das Gute an Stürmen: sie wirbeln durcheinander, reinigen „schlechte Luft“, schaffen neue Ordnung und wirbeln dabei alte Hüte davon.

Andrea Gronski-Berendsen besuchte Wietzow mit  Beginn der 90er Jahre, wohnt hier seit Winter 1997/98. Heute begegnete ihr beim sonnigen Spaziergang an einem der Wietzower Teiche ein Reiher – majestätisch & schön.

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